Vorbemerkungen
Der folgende, zweiteilige Artikel ist als vorläufig und nicht endgültig zu betrachten. Er beruht auf eigenen Erfahrungen / Beobachtungen und diversen Berichten über größere Massensterben bei Zierfischen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Artikel in vielen Punkten noch als spekulativ zu betrachten und vor allem aus tiermedizinischer und immunologischer Sicht bei weitem nicht ausreichend gesichert. Es fehlen derzeit noch weitergehende Literaturrecherchen und statistische Auswertungen. Die Recherchen anderer, vor allem wissenschaftlicher Quellen hoffe ich in späteren Überarbeitungen erbringen und einbauen zu können, statistische Auswertungen sind nur über gut dokumentierte Fälle von Massensterben machbar, die Datenbasis ist dazu noch zu gering, vor allem beruht sie in hier nicht genannten Fällen nur auf Berichten betroffener Aquarianer und weniger auf genauere Aufzeichnungen.
Für weitere Überarbeitungen und Ergänzungen in jedweder Hinsicht bitte ich um Mithilfe, sowohl was Berichte und genaue Aufzeichnungen zu den Umständen des Auftretens von Massensterben betrifft als auch Hinweise auf Literaturstellen über mögliche Erreger und deren tiermedizinische, mikrobiologische und ichthyologische Bedeutung.
Jeder Aquarianer kennt es oder es sind die Glücklichen, an denen dieser Kelch bisher vorbeiging:
Plötzliches undifferenziertes Massensterben nach Ergänzungen des Besatzes.
Undifferenziertes Massensterben von Zierfischen kommt häufiger vor, als man annimmt. Meist redet der betroffene Aquarianer nicht darüber, sei es aus Hilflosigkeit wegen einer für ihn nicht lösbaren Situation, sei es aus Scham, weil er es eigentlich besser wissen sollte, oder sei es, weil ihm keine Zeit und vor allem so gut wie keine Möglichkeiten bleiben, Maßnahmen gegen das Fischsterben zu ergreifen. Wir sollten uns zuerst der Frage widmen, unter welchen Rahmenbedingungen solche plötzlichen Massensterben zumeist (es gibt Ausnahmen und andere Fallbeispiele) auftreten.
Dazu vorab einige Beispiele, die ich in den letzten Jahren selbst erlebt habe:
Januar bis November 2003 - Botia kubotai.
Im Januar 2003 bekam ich aus dem damaligen Erstimport 10 Individuen der neuen Schmerle aus Burma, die wenig später als Botia kubotai von Kottelat beschrieben wurde. Es zeigte sich nach den ersten Veröffentlichungen, daß es von dieser Schmerle mehrere Varianten gibt, ob es sich dabei um eigene Arten oder nur Farbvariationen handelt, ist eine andere Frage. Die Tiere kamen zu mir nach Hause in Aquarium, wo sie in der dichten Strukturierung des Beckens ein für sie hervorragendes Heim fanden und sich sichtlich wohlfühlten. Probleme mit den Tieren gab es keine. Im Frühjahr 2003 konnte ich über eine andere Importlinie (anderer Exporteur, anderer Großhändler) eine zweite Gruppe von 10 Tieren erhalten, die ich wohlweislich und selbstverständlich in ein eigenes Aquarium zur Quarantäne setzte. Auch diese Tiere machten keinerlei Probleme, sie waren gesund und aktiv. Nach 6 Monaten getrennter Haltung setzte ich die Tiere des zweiten Importes mit in das Becken, in dem die Tiere aus dem ersten Import lebten. Es sei erwähnt, daß in dem Becken noch ein paar Keilfleckbarben (Trigonostigma heteromorpha), Adolfois Panzerwelse (Corydoras adolfoi) und Rotflossenbärblinge (Rasbora boraptensis) lebten. Nach dem Zusammensetzen kam es zu einem Massensterben, innerhalb von 48 Stunden waren alle 20 Individuen von Botia kubotai tot. Äußerliche Symptome - keine, keine Hautveränderungen, keine Parasiten auf der Haut. Es gab Verhaltensauffälligkeiten: die Tieren wurden inaktiv, setzten sich auf dem Boden, einige taumelten leicht und machten den Anschein von Orientierungsverlusten und innerhalb weniger Stunden verstarben sie. Bei den anderen Arten im Becken lebenden Arten gab es keinerlei Ausfälle, die Tiere leben alle noch hgeute Ende 2004.
Guppy (Poecilia reticulata) aus privater Zucht.
Ich hatte über Jahre einen reinerbigen rotgoldallelen Zuchtstamm des Millionenfisches, der sich bei mir in mehreren Becken prächtig vermehrte. Die Tiere waren genetisch stabil und kerngesund, Weibchen wurden bis etwas über 6 cm groß, die Männchen mit prächtigen Schwänzen blieben mit knapp 4 cm kleiner. Dieser Zuchtstamm kam, seitdem ich die Elterntiere von Bekannten bekommen hatte, nie mit irgendwelchen Medikamenten in Berührung. Die Ernährung erfolgte abwechslungsreich mit diversem frost- und Lebendfutter, in den Hälterungs- und Zuchtbecken gab es immer Schwimmpflanzen und dicht bepflanzte Ecken mit Cabomba spec. und Limnephila sessiliflora. Ab und an verkaufte ich Tiere aus diesem Zuchtstamm an einen örtlichen Zoohändler.
In 2002 bestellte dieser Händler 40 Tiere, je 20 Männer und 20 Weibchen, in Verkaufsgröße. Die Tiere wurden frisch gefangen und waren innerhalb ca. einer halben Stunde beim Händler. Er setzte sie in seine Hälterungsanlage, wobei ich eine Sekunde lang nicht aufpaßte. 24 Stunden später rief der Händler an und berichtete, alle "meine" Tiere seien tot. Ich fuhr in das Geschäft, er hatte sie noch aufbewahrt, da viel mir ein, daß die Tiere in einem Wasserkreislauf mit Guppies aus südostasiatischer Herkunft gesessen hatten. Ich ersetzte dem Händler auf meine Kosten die Tiere, bestand aber auf einer Hälterung in einem anderen Wasserkreislauf (diesmal mit Wildfängen von Salmlern) und nichts weiter geschah.
Diskusseuche ?
Auch das oft und kontrovers diskutierte Thema Diskusseuche kann man in diesen Zusammenhang erwähnen. Aus einer Importlieferung stammten 10 adulte Wildfänge von Téfe Diskus (Symphysodon aequifasciata). Diese saßen in einem Aquarium in einem Regalsystem, in dem Becken darunter hingegen Kobaltblaue Diskus aus Südostasien. Die Grünen Diskus erkrankten nach einigen Tagen trotz sehr guter Wasserwerte, 5 der Tiere verstarben sehr schnell, als wichtigstes Symptom waren gräuliche Hautbeläge zu erkennen. Wasserwechsel und Medikamentierung zeigten keine Wirkung, der Zustand auch der später überlebenden Tiere verschlechterte sich zunehmend. Bei einem Wasserwechsel gelangten wenige Tropfen des Altwassers aus dem Becken aus Versehen in das Becken der Kobaltblauen Diskus. Nur etwa 24 Stunden später setzte mit den gleichen Symptomen bei diesen Fischen ein Massensterben ein. Erst ein Umsetzen aller betroffenen Tiere in zwei desinfizierte, neu angefahrene Becken brachte das Sterben zum Stehen. Vor allem die überlebenden 5 Grünen Diskus gesundeten unter Einsatz von Seemandelbaumblättern schnell.
Massensterben bei Garnelen - die gleiche Symptomatik ?
Im Rahmen einer Importlieferung kamen mehrere Tausend Glasgarnelen (Macrobrachium spec.) an. Die Tiere wurden auf mehrere Becken verteilt, in einigen gab es kaum Ausfälle, in anderen setzte kurz später ein Massensterben ein, welches auch mit täglich zweimaligen hundertprozentigen Wasserwechseln nicht aufhörte. Ein Umsetzen aller Tiere aus diesen Becken in frisch angefahrene Aquarien brachte das Sterben innerhalb weniger Stunden zum Abklingen.
Nur Tiere aus dem Handel als Auslöser für Massensterben ?
Ein mir bekannter Aquarianer erwarb kürzlich auf einer Aquarienbörse zwei Schwertträger (Xiphophorus hellerii) aus privater Zucht. Er setzte die Tiere in sein Aquarium und auch hier kam es innerhalb der nächsten 3 Tage zu einem Massensterben, wobei diesmal der gesamte Altbesatz hingerafft wurde.
Der Beispiele lassen sich weitere bringen, gelegentlich liest man von solchen undifferenzierten Massensterben in aquaristischen Diskussionsforen oder bekommt bei Besuchen im Zoofachhandel immer wieder mal solche Anfragen von Kunden mit. Dabei sind die Rahmenbedingungen und das Ausmaß des Massensterbens sehr unterschiedlich, mal sterben nur die neuen Tiere, mal nur der Altbesatz, mal beide. Fast immer (s. Anmerkung 1 am Ende des Artikels) trat das Massensterben nach Neuerwerbungen auf.
Gibt es zwischen diesen Beispielen und weiteren Gemeinsamkeiten ? Dies ist die erste Frage, die man sich stellen muß, wenn man einer Problemlösung näher kommen will.
Bei einer vergleichenden Betrachtung der Beispiele fällt folgendes auf:
Das Massensterben geht rasend schnell vonstatten, meist kommt es zum Ausfall der Tiere innerhalb von 48 Stunden.
Es sterben ohne erkennbares Muster einmal Neubesatz, einmal Alt- und Neubesatz oder nur der Altbesatz des Aquariums. Dies spricht deutlich gegen Ausfälle aufgrund unterschiedlicher Wasserbedingungen als Ursache.
Der schnelle Ausfall des Altbesatz auf der einen Seite und die Übertragungsmöglichkeit durch unbeabsichtigtes Verschleppen von Wasser in andere Aquarien deutet auf einen hochinfektiösen Mechanismus hin.
Es spielt keine Rolle, ob Tiere über ein intaktes Immunsystem verfügen oder ob es sich aus verschiedenen Gründen um vorgeschädigte Tiere handelt, da manchmal die neuen Tiere, manchmal die alten Tiere, manchmal Tiere beider Arten versterben.
Es sind sowohl Wildfänge als auch Nachzuchttiere aus diversen Quellen betroffen.
Es spielt offensichtlich kaum eine Rolle, ob es sich bei Nachzuchttieren um Tiere aus privater Zucht oder Nachzuchten aus großen Zierfischzuchtbetrieben handelt (s. Anmerkung 2).
Es gibt Hinweise, daß das Massensterben in Einzelfällen auf eine Art beschränkt bleiben wie bei dem Beispiel von Botia kubotai. Dies muß nicht regelmäßig der Fall sein, sondern kommt in dem Gesamtkomplex des Massensterbens gelegentlich vor (s. Anmerkung 3 am Ende des Artikels).
Ursachen oder welche Krankheitserreger lösen Massensterben aus ?Um es gleich vorweg zu sagen, mir sind bisher keine tiermedizinischen Untersuchungen zu diesem Themenkomplex bekannt. Dabei räume ich ein, das ich bis zum Schreiben dieses Artikels noch nicht vertiefend recherchiert habe, ob es in der Literatur entsprechende Berichte oder Untersuchungen gibt, die Diskusseuche sei davon ausgenommen. Auch wenn ich mich an dieser Stelle etwas weit aus dem Fenster lehne, betrachte ich die Diskusseuche insgesamt als Teilaspekt des Themas undifferenziertes Massensterben, auch wenn in zahlreichen Einzelfällen der Sachverhalt anders gelagert ist.
Vieles aus den Abläufen des Massensterbens spricht für Übertragbarkeit auf andere Aquarien, hohe Infektiösität und geringe bis fehlende Inkubationszeit. Auffällig und den Sachverhalt verkomplizierend ist, das das Massensterben in einigen Fällen auf eine Art beschränkt bleibt, in anderen Fällen problemlos Artgrenzen überschreitet. Dies alles zusammen genommen, läßt "klassische" parasitäre Erkrankungen (höhere Parasiten, Ciliaten, Pilze etc.) als Ursache ausscheiden. Die Frage, ob es sich um Vergiftungen handeln kann, ist ebenfalls zu negieren, denn gerade die Hinweise auf überlebende Tiere anderer Arten und auf überlebende Tiere verschiedener Herkünfte bei gleichen Arten, schließen Vergiftungen aus.
Es bleiben dann letztlich nur noch viröse oder bakterielle Erreger. Gegen Bakterien spricht zuerst einmal die extrem geringe Inkubationszeit bis zum Ableben der Tiere. Gegen Viren sprechen Hinweise, das Massensterben nicht nur bei Fischen als Wirbeltieren auftreten, sondern auch bei Garnelen als Wirbellose. Nun sind viral ausgelöste Erkrankungen mitnichten nur auf Wirbeltiere beschränkt, dennoch sind die Koinzidenzen zwischen den einzelnen genannten Beispielen doch klar genug, daß es sich hierbei um ein Phänomen handelt, welches in Aquarienhaltung diversester Art auftritt.
Insgesamt betrachtet spricht vieles für bakterielle Auslöser, denn in Aquarien ist einiges im Vergleich zu natürlichen Lebensräumen anders. Der Besatz bezogen auf das verfügbare Wasservolumen ist um einiges höher. Nicht nur daraus folgt, daß die Bakteriendichte im Aquarium gegenüber natürlichen Biotoptypen deutlich, durchaus um einige Zehnerpotenzen, höher ist. Folgen wir der Annahme eines bakteriell verursachen Problems, stellt sich die Frage nach der geringen Inkubationszeit auf der einen und der hohen Mortalität auf der anderen Seite, denn auch Fische verfügen über eine Immunabwehr. Daher lohnt ein Blick auf die Funktionsweise des Immunsystems.
Exkurs: Immunsystem
Wirbeltiere verfügen über ein zweigeteiltes Immunsystem, welches man vereinfachend mit unspezifischer Abwehr und spezifischer Immunantwort umschreiben kann.
Die unspezifische Abwehr beinhaltet, ebenfalls wieder vereinfachend, Freßzellen (Makrophagen), die sich im Körper des Tieres befinden und dort alles "fressen" (Phagocytose), was als körperfremd identifiziert wird. Die Identifikation des Körperfremden ist das eigentliche Problem; sie leitet direkt zu der spezifischen Immunantwort über.
Die spezifische Immunantwort ist ein hochkomplexes System verschiedener daran beteiligter Zellen. Im sehr vereinfachten Ablauf identifizieren sie anhand bestimmter auf der Oberfläche der Krankheitserreger stehender Strukturen, der sog. Antigene (Glykoproteine, Glykolipide etc.) körperfremdes Material, da jeder Organismus individuelle Muster auf seinen Zelloberflächen trägt. Nach der Erkennung wird aus einer Art Baukasten ein Antikörper gegen dieses Antigen gebaut, der Antikörper bindet an das Antigen des Krankheitserregers und führt einerseits zu Verklumpunpungen der Erreger und damit Ineffektivität, auf der anderen Seite bauen auch spezifische Freßzellen die Antikörper in ihren Zellstruktur ein und sind somit auf einen bestimmten Erreger spezialisierte Freßzellen. Nach erfolgreicher Bekämpfung der Infektion werden sogenannte Gedächtniszellen gebildet, die die Information zum Bau des Antikörpers speichern und bei einer Reinfektion schneller verfügbar machen.
Das Problem zwischen Immunsystem und den Krankheitserregern ist der Zeitvorteil, den die Erreger haben, ehe das Immunsystem seine spezifische Abwehr zur Aktivität bringt. Dieser Zeitvorteil ist derjenige, bei dem die Kranheitserreger sozusagen freies Spiel im Körper haben und auf wenig Widerstand (aus der unspezifischen Abwehr) treffen.
Das Immunsystem der Fische und seine Einbindung in die Umwelt
Fische und andere wasserlebende Wirbeltieren unterscheiden sich in einem vollständig von landlebenden Wirbeltieren: Sie leben in einem Medium mit einer vergleichsweise hohen Dichte von Bakterien und anderen krankheitserregenden Keimen, wohingegen das Medium Luft für eine direkte und effektive Übertragung weniger geeignet ist außer beispielsweise bei direktem oder indirektem Hautkontakt oder der Tröpfcheninfektion. Bei beiden spielt jedoch ein Medium höherer Dichte, insbesondere eine Trägermedium, in der Übertragung eine entscheidende Rolle.
Insofern ist die Annahme, das Fische dauerhaft mit sehr deutlich höherer Wahrscheinlichkeit Kontakt mit krankheitserregenden Keimen ausgesetzt sind, naheliegend. Daraus folgt für das Immunsystem und die Keime zweierlei: Zum einen ist das Immunsystem als Ganzes erheblich stärker belastet als das landlebender Wirbeltiere, es arbeitet permanent sozusagen auf einem höherem Level. Zum anderen ist trotz des Immunsystems konstant eine höhere Re- und/oder Neuinfektionsrate mit dem Keimen vorhanden. Auch in diesem ganzen Komplex spielen Biofilme auf Oberflächen eine nicht unerhebliche Rolle.
Aus den bisherigen Schilderungen folgt, daß Fische aufgrund der hohen Infektionswahrscheinlichkeit "grundsätzlich" Krankheitskeime mit sich tragen und ihr Immunsystem lediglich eine Art Patt mit den Erregern schafft, d.h. der Fisch trägt die Erreger latent mit sich herum, erkrankt aber selbst nicht. Es kommt hinzu, daß Fische als äußere Abgrenzung zu ihrer Umwelt, dem Wasser, eine Schleimschicht aufbauen, die zwar u.a. auch die Anheftung von Keimen senken soll, andererseits wiederum ein geradezu ideales Nährmedium für Biofilme darstellt. Es ist daher zwingend anzunehmen, daß das Immunsystem der Fische nicht nur auf das Körperinnere beschränkt ist, sondern das unspezifische als auch spezialisierte Freßzellen den Körper verlassen oder aktiv abgegeben werden und keimzahlsenkend in der Schleimschicht des Fisches arbeiten. Jeder kennt wenigstens theoretisch das Phänomen der Immunität von Fischen nach einer überstandenen Infektion mit den Erregern der Weißpünktchenkrankheit.
Zum Massensterben als Phänomen
Aus der in vorigen Absatz postulierten "permanenten Erkrankung von Fischen bzw. der Pattsituation zwischen Fisch und dem Krankheitserreger" erklärt sich das Phänomen des undifferenzierten Massensterbens fast von alleine. Jeder Fisch bildet mit der Zeit eine komplexe Beziehung zwischen seinem Immunsystem und den ihn besiedelnden Keimen aus, die im idealen Fall den Fisch nicht erkranken läßt. Dieser dauerhafte Patt-Zustand ist ein energieaufwendiger und den Körper des Fisches belastender Prozeß, der jedoch zur Gesunderhaltung eingegangen werden muß. In Gefangenschaftshaltung ist der Fisch im Unterschied zur Natur einer permament höherer Keimzahl ausgesetzt. Hier muß der Fisch also erheblich mehr Energie aufwenden, um die Pattsituation zwischen Immunsystem und den Keimen aufrecht zu erhalten.
Auf der einen Seite folgt aus den Zusammenhängen, daß die Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines Massensterbens mit der Isolation eines Aquariums sowohl in Raum als vor allem auch Zeit sinkt, d.h. je länger Tiere in einem Aquarium ohne Änderungen und Ergänzungen des Besatzes leben, umso seltener treten Massensterben undifferenzierter Art auf. Das Immunsystem des Fisches spielt sich auf die Keime des Aquariums zunehmend ein und schafft somit eine Gesunderhaltung ohne großen und vor allem wechselnden Energieaufwand. Das Immunsystem wird sozusagen auf die Keime des Aquariums getrimmt und spezialisiert sich entsprechend - als Folge dieser Spezialisierung muß es allerdings nicht mehr so hochgradig effizient arbeiten. Der Vergleich mit einem sich abbauenden Immunsystem bei isoliert lebenden Landtieren hinkt zwar etwas, geht aber in die richtige Richtung.
Dabei muß es sich nicht nur um ein isoliertes Aquarium handeln, sondern es kann auch eine Hälterungsanlage mehrerer Aquarien sein, denn der pflegende Aquarianer verschleppt "unbewußt" durch seine Pflegemaßnahmen und -geräte die Keime von einem Becken in das nächste. Es bildet sich also ein auf eine Hälterungsanlage spezialisierter Keimbesatz aus, auf den die dort lebenden Tiere angepaßt sind.
Gibt dieser Aquarianer nun Fische an andere weiter, so gibt er mit den Tieren auch seine spezialisierten Keime weiter. Es entsteht eine Kette in der Keimbesiedlung voneinander abhängiger Aquarien, das einfachste Beispiel einer solchen Kette ist die Folge von Großhändler -> Enzelhändler -> Aquarianer, wobei diese Kette meist in eine Richtung orientiert ist. In einer solchen, klar definierten Kette kommt es vergleichsweise selten zu den undifferenzierten Massensterben, treten hier invasive Erkrankungen auf, gehen sie meist auf Hälterungsfehler oder "Pannen" beim Transport, z.B. durch Unterkühlung zurück, was gerne den Ausbruch einer Weißpünktchenkrankheit nach sich zieht.
Massensterben kommen vor allem dann vor, wenn in eine solche Kette abhängiger oder isolierter Hälterungsanlagen neue Tiere (egal ob andere Arten oder gleiche Arten anderer Linien) eingebracht werden. Auch diese Tiere "fremder" Herkunft tragen spezialisierte Keime mit sich, die nun in eine "fremde" Umgebung eingebracht werden. Die dort lebenden Tiere werden nun plötzlich mit Krankheitserregern anderer Herkünfte und Spezialisierung konfrontiert, ihr Immunsystem muß sich auf diese neuen Keime anpassen und sie in die "Pattsituation" integrieren. Da nun aber durch die Spezialisierung der Immunsysteme dieses nicht mehr so auf hohen Touren arbeiten muß, erhalten die Keime einen entscheidenden Zeitvorteil. Hier macht sich dann das Medium Wasser und die Besiedlung der Oberflächen mit Biofilmen äußerst negativ bemerkbar. Die Vermehrungsrate der Krankheitskeime, wobei hier überwiegend Bakterien gemeint sind, erhöht sich explosiv und überschwemmt die Tiere regelrecht. Ihre Immunantwort kommt zu spät und es kommt zu den undifferenzierten Massensterben.
Regeln für das Massensterben, welche Tiere nun betroffen werden, gibt es keine. Mal sterben die neuen Tiere (kommt anscheinend häufiger vor), mal verstirbt der Altbesatz (etwas seltener nach den bisherigen Berichten), mal sterben neue und alte Tiere (an dritter Stelle). Es kommt wohl dabei auf viele Faktoren an wie beispielsweise die Keimdichte im Aquarium, der konkrete Biofilm auf Oberflächen im Aquarium, evtl. mit fakultativ saprophagen Krankheitserregern, die Länge der Isolation der Hälterungsanlage von anderen, die regelmäßige Pflege durch den Aquarianer und sein "unbeabsichtigtes" Verschleppen von Bakterien, die Kondition im Sinne der Fitness des Immunsystem des jeweiligen Tieres (dabei spielt die Herkunft nach bisheriger Auswertung keine Rolle).
Merkmale und Symptome eines undifferenzierten Massensterbens
Auch wenn der Titel des ersten Teiles "undifferenzierte Massensterben" ist, gibt es dennoch Symptome und Merkmale, auch wenn sie schwer zu fassen und in einen Zusammenhang zu stellen sind:
Das hier unter undifferenziertem Massensterben erfaßte Syndrom soll ausschließlich auf Todesfälle nach Besatzergänzungen eines Aquariums fassen. Neubesatz oder Besatzergänzung ist also eine zwingende Voraussetzung, in dessen Folge innerhalb nur weniger, meist 1-2 Tage die ersten Todesfälle auftreten, unabhängig von Alt- oder Neubesatz.
Sehr schneller Verlauf, meist sterben die Tiere innerhalb weniger Stunden, ein gesamter Besatz kann in wenigen Tagen versterben.
Äußerlich sichtbare Symptome im Sinne von Hautveränderungen sind meist keine vorhanden, in wenigen Fällen finden sich gräuliche Beläge auf der Schleimhaut der Tiere.
Viele Salmler verblassen in ihren Farben kurz vor dem Ableben, ob dies als typisches "Symptom" bezeichnet werden kann, ist jedoch zu bezweifeln, oft versterben die Tiere in ihrer Normalfärbung ohne Verblassung von Farben oder signifikanten Farbänderungen. Lediglich bei Diskusbuntbarschen und wenigen anderen mehr ist Dunkelfärbung auf weiten Teilen des Körpers ein zusätzliches Symptom.
Kann man Tiere kurz vor ihrem Tod beobachten, sieht man regelmäßig Inaktivität (z.B sitzen auf dem Boden oder stehen nahe der Wasseroberfläche) und / oder Orientierungsverluste in Form leichten Taumelns oder unkoordinierter Bewegungen (was oft fälschlicherweise als Vergiftung gedeutet wird).
Behandlungsmöglichkeiten
Da wir bisher die Erreger des "undifferenzierten Massensterbens" nicht kennen und diese es vermutlich auch gar nicht gibt, können Behandlungsvorschläge im Sinne einer einfachen Therapie nicht gegeben werden. Unter der berechtigten Annahme, daß es sich um Bakterienkulturen handelt, käme prinzipiell der Einsatz von Antibiotika in Frage. Mehrere Fakten sprechen jedoch gegen Antibiotika. Als erstes ist der extrem schnelle Verlauf des Massensterbens anzusprechen. Ehe überhaupt die Antibiotika richtig wirken, kommt es meist schon zu erheblichen Ausfällen. Der zweite Punkt liegt in der kommerziellen Zierfischzucht vor allem im außereuropäischen Ausland. Der Grad der Multiresistenzen gegen handelsübliche Antibiotika, mittlerweile selbst gegen enige Reserveantibiotika, bei fischpathogenen Bakterien ist außerordentlich hoch und geht vermutlich auf unsachgemäßem, vor allem prophylaktischen Einsatz von Antibiotika zurück. Ein dritter Grund besteht in der Gefahr, daß man auch die für den Betrieb eines Aquariums erforderlichen Bakterien, hier vor allem die aus der Nitrifikation, abtötet und damit Vergiftungen der Tiere durch Ammoniak und vor allem Nitrit Gefahr läuft. Als letztes sei ein medizinischer Grund angeführt. Bei den weltweit zunehmenden Resistenzen von Bakterien gegen Antibiotika ist der Einsatz solcher grundsätzlich vor allem in der Freizeit-Tierhaltung auch aus humanmedizinischer Sicht zu prüfen und kritisch zu hinterfragen. Letztlich betreibt kein Aquarianer einen Hochsicherheitstrakt und desinfiziert sich nach Pflege seiner Aquarien gründlich und ausreichend. Er ist damit ein potentieller Träger und Weitergeber von Bakterien und sei es nur mit dem "Dreck unter derm Fingernagel".
Die einzige Behandlungsmöglichkeit, die sich bisher ergab, ist das rigorose Umsetzen der Tiere in keimarme, am besten frisch angefahrene oder kurz zuvor desinfizierte Hälterungsbehälter mit frischem, bei Bedarf aufbereitenen, temperiertem Wasser, dabei kann es sich im Notfall sogar um einen Eimer oder die Badewanne handeln. Das rigorose Entfernen aus dem "Keimmedium Aquarium", mit dem die betroffenen Tiere nicht klar kommen, verringert signifikant den Keimdruck und zeigt oftmals schnelle Wirkung.
Was tun bei undifferenziertem Massensterben ?
Die vorhandenen Möglichkeiten sind gering. Das wichtigste ist, daß die Tiere aus dem ihnen "feindlichen" Lebensraum entfernt werden, da auch Großwasserwechsel nicht oder nur bedingt helfen. Es stellt sich dann auch die Frage, wie man mit dem "befallenen" Aquarium weiter verfährt.
Entnahme der Tiere und Verbringen in eine keimarme Ungebung.
Die wichtigste Maßnahme ist das Entfernen der Tiere aus dem entsprechenden Aquarium. Dabei kann es sich um den gesamten Besatz handeln oder falls das Massensterben nur eine Tierart erfaßt hat, das Entfernen der betroffenen Art. Die Tiere sind in eine keimfreie oder keimarme Umgebung zu verbringen, am besten in ein leeres, schnell neu mit Frischwasser aufgesetztes Aquarium, wobei die Größe keine entscheidende Rolle zuerst spielt. Die betroffenen Tiere sind meist angeschlagen und kämpfen schlicht um ihr Überleben, da bleibt für innerartliche Aggressionen nur wenig Zeit und Energie.
Steht kein Aquarium zur Verfügung, helfen im Notfall auch Wannen, Eimer oder selbst die Badewanne. Beim Fischwasser ist auf entsprechende Temperierung zu achten. Auf den Einsatz von Wasseraufbereitern würde ich im Normalfall verzichten. Die dort enthaltenen Stoffe, darunter EDTA als Chelator, dienen unter Umständen Bakterien als schnell verfügbares Nährmedium. Es sind allerdings die jeweiligen Wasserwerte, hier insbesondere der pH-Wert des Frischwasser zu berücksichtigen. Liegt der deutlich über 8,5, ist die Entscheidung, ob Wasseraufbereiter eingesetzt wird oder nicht, nur im Einzelfall zu treffen.
Beobachtung des Ammonium-/Ammoniak- und Nitritwertes.
Diese Werte sind in kurzen Abständen zu überprüfen. Da in den Zwischenbehältnissen keine Filterung vorhanden ist, steht die Gefahr von Ammoniak- und/oder Nitritvergiftungen an. Viel Wasserwechsel ist die einzige Möglichkeit in diesem Stadium. Ebenso ist ein Auskühlen der Tiere zu vermeiden.
Aufsetzen eines neuen Aquariums inkl. der Obacht der Ammonika- und Nitritwerte.
Die Tiere dürfen vorerst nicht zurück in das "befallene" Aquarium. Das bedingt, daß man die Tiere schnellstmöglich in einem anderen, am besten frischen Aquarium unterbringt (inkl. der Beobachtung von Ammonium/Ammoniak und Nitrit oder sie anderswie versorgt.
Das befallene Aquarium.
Für das befallen Aquarium gibt es mehrere Möglichkeiten. Muß man es schnell wieder in Betrieb nehmen, ist ein Ausräumen des Beckens und vollständige Desinfektion beispielsweise mit Kaliumpermanganat oder Wasserstoffperoxid empfehlenswert. Auskochen vorhandener Dekoration wie Steine und Wurzeln ist ebenfalls erforderlich. Das Filtermaterial darf auf keinen Fall wieder verwendet werden. Auch der Filter und die Schläuche sind zu desinfizieren. Im Becken vorhandene Pflanzen sind zu entsorgen. Hintergrund für diese drastischen Maßnahmen sind die überall im Aquarium auf allen Oberflächen siedelnden Biofilme aus Bakterien. In diesen sitzt wohl auch ein größerer Teil der das Massensterben auslösenden Stämme, vermutlich als fakultativ saprophage Formen.
Die andere Möglichkeit ist die, das Becken für mehrere Monate unter "Quarantäne" zu stellen, d.h. es läuft entweder ohne Fischbesatz oder nur mit den verbliebenen Tieren weiter. Zu Anfang, etwa 1 Woche lang, sollten tägliche Wasserwechsel von 50 % anstehen, nach einer Woche läßt sich dies auf zweimal wöchentlich reduzieren, nach 2 Wochen kann man auf einmal wöchentlich 50 % Wasserwechsel gehen. Das Filtermaterial ist zu entsorgen, vor allem dann, wenn es schnell und stark verschleimt, neues Filtermaterial ist ebenfalls mehrfach bei beginnender Verschleimung auszukochen oder anderswie zu desinfizieren. Es empfiehlt sich daher für die Übergangsphase die Filterung ausschließlich über Filterwatte, die schnell und kostengünstig ersetzt werden kann.
Nach einer Laufzeit von etwa 2 Monaten kann das Becken wieder gering mit Fischen besetzt werden, aber es empfiehlt sich als erstes, grundsätzlich mit artfremden Fischen zu beginnen, also nicht die gleichen Arten, die vom Massensterben betroffen wurden, wieder einzusetzen.
In dieser "Leerlaufzeit" stabilisieren sich die Bakterienkulturen, insbesondere in den Biofilmen. Bakterienfressende (bakteriophage) Einzeller (v.a. Ciliaten) verringern die Dichte der Keime in den Filmen, fakultativ krankheitserregende Keime sterben nach längerer Zeit ohne Wirte meist ab oder werden auf so geringe Populationsdichten verringert, daß nach einem Wiederbesatz des Beckens nicht mit einem Auftreten des Massensterbens gerechnet werden muß.
Im zweiten folgenden Teil des Artikels geht es um die Konsequenzen aus dem undifferenziertem Massensterben, wie man es am besten verhindert und was für Schlußfolgerungen für die Quarantäne von Fischen zu ziehen sind.
